Leichtbau-Kesselwagen (und andere)

Letzte Aktualisierung 6. Februar 2010

Zu den Leichtbau-Kesselwagen des Zweiten Weltkrieges gibt es, soweit mir bekannt, nur einen Aufsatz in der Umdruck-Postille "Güterwagen-Correspondenz" (Ausgaben 3/89, 4/89, 1/90, 2/90 und 3/90), und da diese Quelle heute nicht mehr jedermann zugänglich ist, ist hier der Inhalt zugrundegelegt, was den Vorbildteil betrifft.

Die Versorgung der kriegführenden Truppe mit Treibstoffen erforderte Kesselwagen in großer Zahl, und so wurde der Neubau auch von Kesselwagen fällig. Zu Grunde gelegt wurden natürlich auch hier die Bauprinzipien der Kriegsgüterwagen, die auf maximale Materialersparnis ausgerichtet waren. Daher auch die Bezeichnung "Leichtbau-Kesselwagen". Die Wagen haben keine Untergestelle mehr, die Kessel sind selbsttragend. Außerdem wurde z.B. auf Anschriftentafeln verzichtet, oder sie wurden reduziert, die Beschriftung stand überwiegend auf dem Kessel selber. Es wurden zunächst einige Prototypen entwickelt, die teilweise zu kurz waren - die zulässige Meterlast wurde überschritten; schlussendlich wurden je zwei Entwürfe angenommen, die von zahlreichen Waggonfabriken baugleich hergestellt wurden. Sie heißen nach den entwickelnden Firmen bzw. deren Sitz "Uerdingen" und "Deutz" (Westwaggon).

Die Leichtbau-Kesselwagen und ihre Modelle
AchsenBauartVolumenLüPRadstandModell
2Uerdingen30 m38,8 m4,5 mKLEIN
Deutz30 m38,8 m4,5 mKLEIN
Einheits30 m38,8 m4,5 m
Einheits24 m38,8 m4,5 m
Nachfolge36 m39,1 m4,5 mPIKO
4Uerdingen63 m312,4 m6,6 mPIKO
Deutz63 m312,4 m6,6 mKLEIN
LILIPUT
Deutz48 m312,4 m6,6 mLILIPUT
Einheits48 m312,4 m6,6 m
Einheits63 m312,4 m6,6 mLILIPUT
SEAG63 m312,4 m6,6 mTRIX

Die Bauart "Deutz" erkennt man sowohl bei den zwei- wie bei den vierachsigen Wagen an den freitragenden Kesseln, die an den Waggonenden Schürzen tragen, auf denen der Kessel ruht und an denen die Zug- und Stoßvorrichtungen angebracht sind. Die Bauart "Uerdingen" erkennt man ebenso leicht an den aus abgekanteten Blechen hergestellten Außenrahmen, die aber auch nicht die tragende Funktion früherer Untergestelle haben. Später, 1943, wurde dann für beide, die zwei- wie die vierachsigen Kesselwagen, eine Einheitsbauart festgelegt. Bei den Zweiachsern folgte man hierbei der Bauart "Uerdingen", allerdings ist der Außenlangträger anders gekantet (außen gerade) und wirkt dadurch höher, und die Achslager sind daran angenietet.

Bei den zweiachsigen Kesselwagen gibt es von den Bauarten "Deutz" wie "Uerdingen" die bekannten Modelle der Firma KLEIN. Sie sind in zahlreichen Beschriftungsvarianten auf den Markt gekommen, wobei durchaus berücksichtigt wurde, dass die Wagen in allen europäischen Ländern verblieben sind. Es gibt auch im Modell z.B. belgische, polnische, tschechoslowakische und französische Versionen. Verwirrung gibt es aber bei der Beschriftung. KLEIN druckt auf seine Kesselwagen ein Volumen von 24 m3. Das ist falsch. Beide Bauarten hatten ein Fassungsvermögen von 30 m3! Woher kommt die falsche Angabe? Nun, den späteren Einheits­kesselwagen - und nur den - gab es tatsächlich mit 24 m3, und dies sogar überwiegend. ROCO hat nach der Übernahme der KLEIN-Produkte diesen Fehler korrigiert.

Der Einheitskesselwagen wiederum ist nicht als Modell lieferbar. Das zweiachsige Kesselwagenmodell von PIKO wird gelegentlich als solches bezeichnet und ist auch in etwa als solches beschriftet, z.B. was das Kesselvolumen, den Radstand und die LüP betrifft (280 hl, 4,5 m bzw. 8,8 m). Auch zeigt es typische Merkmale wie die genieteten Achshalter, aber wenn man den Wagen neben einen von KLEIN stellt, sieht man sofort, dass das nicht stimmen kann. Das PIKO-Modell ist länger, die LüP beträgt zurückgerechnet 9,1 m, und der Kessel deutlich dicker! Rechnet man vom Kesseldurchmesser des PIKO-Modells auf das Volumen des Vorbildes zurück, kommt man auf etwa 360 hl. Ist das Modell damit wertlos? Nicht unbedingt! Denn das Kesselvolumen der Kriegskesselwagen war ja wegen der maximalen Achslast von 16 t beschränkt. Tatsächlich hat z.B. die Waggonfabrik Uerdingen selber nach dem Krieg solche Kesselwagen mit größerem Fassungsvermögen gebaut. Zum Beispiel zeigt Bild 1094 einen 1959 gebauten Wagen mit 360 hl Fassungsvermögen, 5,2 m Radstand und 7,5 m Rahmenlänge, Bild 1095 einen Wagen mit sogar 400 hl Fassungsvermögen, 4,5 m Radstand und 7,5 m Rahmenlänge. Da ist der PIKO-Wagen schon recht dicht dran, den 30 cm längeren Rahmen kann es beim Vorbild durchaus gegeben haben, z.B. wegen der Begrenzung der Meterlast. Für TT gibt es übrigens ein vergleichbares Modell von TILLIG. Gerd Kuswa bietet seit 2009 auch für diese Wagen Ätzbleche mit neuen Bremserständen, Bedienungsbühnen, Bremsstellern etc. an.

Allerdings macht der Vergleich mit dem KLEIN-Kesselwagen auch sichtbar, dass das PIKO-Modell hochbeinig ist, die Puffermitte liegt etwa 1 mm zu hoch. Dies liegt an den aus Blech gebogenen Achshaltern, die hinter der Radlagernachbildung sitzen. Dies ist auch heute noch so, denn im Gegensatz zum vierachsigen PIKO-Kesselwagen ist das ganze Modell in einem Stück gespritzt und konnte daher auch nach der Wiedervereinigung nicht renoviert werden - anders als der Vierachser. Allerdings kann man Abhilfe schaffen, in dem man Achsen und Achslagerblech herausnimmt und sie ersetzt durch Messingstreifen und zapfengelagerte Achsen.

Die Vierachser

Bei den Vierachsern gibt seit Anfang der Sechziger das bekannte Modell der Bauart "Uerdingen" von PIKO. Das Niveau war damals so hoch, dass der Wagen heute noch selbst in anspruchsvollen Kreisen akzeptiert wird. Es gibt drei Generationen dieses Modells: Die allererste hatte Nachbildung von Gleitlagern, das Drehgestell dieser Zeit war ziemlich "flexibel", um nicht zu sagen: labbering. Eigentumsmerkmal und Betriebsnummer standen auf dem Kessel, so dass die Wagen nur eine kleine, meist unbeschriftete Anschriftentafel mitbrachten. Es gab schon damals zahlreiche Farb- und Beschriftungsvarianten, die jedoch alle die gleiche Betriebsnummer trugen, z.B. DR 51-07-72 - selbst die BP-Version der DB!. Auch die zweite Generation hatte Gleitlager-Nachbildungen, aber das Drehgestell war insgesamt stabiler. Die Modelle dieser Generation hatten lange Beschriftungstafeln mit plastischem Zettelhalter und eine weitere Tafel am rechten Wagenende. Nach der Wiedervereinigung wurde das Fahrgestell ein weiteres Mal renoviert, nun hat es Rollenlager. Die Fahrgestelle lassen sich nach unten aus den Kesseln herausziehen, so dass man sie tauschen kann. Das empfiehlt sich gelegentlich, denn zu den überzeugendsten Modellen dieses Wagen zählen meines Erachtens die ältesten: der schwarze ME130-01 und der silberne, beide ohne jedes Tankstellenlogo! Man muss wohl kaum erwähnen, dass es Ausführungen mit bunten Kesseln ohne Zahl gibt, aber erfreulicherweise auch neutralere, etwa von den Vermietgesellschaftgen VTG und EVA. Auch ausländische Verianten gab es und gibt es: Ungarn, Tschechoslowakei, Niederlande, Belgien, Italien liegen dem Autor vor.

Von Gerd Kuswa gibt es seit langem schon Bausätze, aus denen man für den "Uerdingen" neue filigrane Bedienungsbühnen und Bremserstände herstellen kann. Bis vor kurzem wurden sie nur für N und TT angeboten, aber seit Dezember 2005 sind sie auch für H0 im Programm (woran der Autor dieser Netzseite nicht ganz schuldlos ist).

Was leider lange fehlte, war ein Modell des vierachsigen "Deutz", jedenfalls in H0. In TT gab es ihn bei Zeuke schon 1968! Ankündigungen gab es mehrere, z.B. von RIVAROSSI kurz vorm LIMA-Exitus. Auch PIKO zeigte einmal im Neuheitenprospekt eine Foto von einem "Deutz" mit SHELL-Logo, warb damit aber nur für eine Beschriftungsvariante des "Uerdingen"-Modells. Nun gibt es dieses Modell endlich von KLEIN und von LILIPUT, und zwar von der ersten, 63 m3 fassenden Bauart.

Dem vierachsigen "Deutz" mit 63 m3 gesellte sich nämlich alsbald einer mit 48 m3 hinzu, der immer eine Heizung hatte und teilweise auch einen Wärmeschutzmantel. Ab 1943 folgte auch hier ein Einheitskesselwagen, ebenfalls mit 48 m3 Fassungsvermögen. Er sieht der Bauart "Deutz" sehr ähnlich, ist aber ihr gegenüber noch weiter vereinfacht. Er wurde bis 1952 gebaut. Zu guter Letzt wurde ab 1943 auch ein Einheitskesselwagen mit 63 m3 gebaut, der ebenfalls dem "Deutz" sehr ähnlich sieht. Nach den vorliegenden Fotos zu urteilen ist der sichtbarste Unterschied der, dass beim "Deutz" die äußeren Enden des Drehgestellträgers zu sehen sind, während sie beim Einheitskesselwagen von der längeren und unten geraden Schürze verdeckt sind. KLEINBAHN hatte ein verkürztes Modell dieses Vorbildes im Programm.

Ende 2007 ist auch der "Deutz" mit 480-hl-Kessel als Modell von LILIPUT erhätlich.

Nachbauten

Die Leichtbaukesselwagen hatten zahlreiche Nachfolger, und viele ihrer Bauprinzipien sind bis heute Standard. Das TRIX-Modell eines vierachsigen Kesselwagens, heute in endlosen Beschriftungsvarianten auch von MÄRKLIN angeboten, sieht dem "Uerdingen" zum Verwechseln ähnlich, nur hat er nicht die typischen unten eingezogenen Langträger, sondern eine gerade Unterkante. Das Vorbild dieses Modells wurde schon in den 50ern von der SEAG gebaut und hat die gleiche LüP und das gleiche Fassungs­vermögen wie sein Kriegsvorgänger. (Dass MÄRKLIN diesen Wagen unter den Neuheiten für 2010 in einer Epoche-II-Beschriftung anbietet, das ist eben "Faszination Modelleisenbahn".) 1946 baute Ringhoffer-Tatra eine Variante des Einheitskesselwagens mit 48 m3, die wie der "Uerdingen" einen Außenrahmen aus Blech hat, allerdings unten stärker eingezogen. Viele Kesselwagen wurden im übrigen später wieder verstärkt, weil sich die Sparbauweise als zu anfällig erwiesen hatte, z.B. durch eingeschweißte Langträger. Aber es gab auch während der Bauzeit im Kriege verschiedene Varianten, teilweise auch dadurch bedingt, dass die Kessel oft nicht von den Waggonbauern selber stammten, sondern von Kesselherstellern zugeliefert wurden; so gibt es z.B. unterschiedliche weite Mannlöcher.

Trotz der Materialersparnis, die die Leichtbauweise erlaubte, wurden auch während des Krieges Tausende Kesselwagen mit konventionellem Untergestell gebaut.

Heizung?

Ein großer Teil der Leichtbaukesselwagen und unter ihnen praktisch alle Einheitskesselwagen waren zunächst mit Heizung ausgestattet. Sie besteht aus U-förmigen Rohren im Kessel, dessen Anschlüsse außen am Kessel lagen, und zwar an der dem Bremserstand abgewandten Seite. Da, wie ältere Selbstzünderfahrer noch wissen, Diesel früher so ab -15 °C versulzte (heute verhindern das Zusätze), musste der Kraftstoff im Winter zum Entladen mit Dampf aufgewärmt werden. Die kleineren Kessel der Einheitskesselwagen waren zunächst auch für noch zähere Ladung gedacht (Teer, Teeröl) und brauchten erst recht die Heizung. Da die Durchtrittsstellen der Heizrohre dazu neigten, undicht zu werden, baute man die Heizung nach und nach aus den Kesseln aus. Dennoch wäre es eine nette Formvariante, auch beheizte Kessel auf der Modellbahn zur Verfügung zu haben. Der einzige Hersteller, der das routinemäßig tat, war SACHSENMODELLE bei seinen Kesselwagen nach einem älteren Vorbild. Aber das wusste er wohl selber nicht, denn er wies nirgendwo darauf hin, und die angeschriebene Ladung passt gelegentlich nicht zur Heizung. Allerdings hat PIKO seinen "Uerdingen" dann auch mit Heizungsflansch ausgestattet, und die neueren Modelle, z.B. der 4-achsige "Deutz" von LILIPUT hat auch Heizungsanschlüsse.

Übersicht Vorbildfotos
Zum Öffnen im eigenen Fenster die Taste drücken!
187124
4-achsiger "Uerdingen"
195134""
SEAG 1955
L9921676
2-achsiger "Uerdingen"
Säure1
Leichtbau-Kesselwagen
166335
Uerdingen 1959
187107
"Uerdingen" mit 400 hl
151130
151134
Einheitskesselwagen-Nachfolger
162227
Einheitskesselwagen-Nachfolger
169206
Uerdingen-Nachfolger
169207
Uerdingen-Nachfolger
Übersicht Modellfotos
L5850569
Uerdingen 2-achsig
L5850633
Deutz 2-achsig
L5850545
Einheitskesselwagen 2-achsig
L5850554
Uerdingen 4-achsig
L5850651
Uerdingen 4-achsig mit Heizung
L5850645
Uerdingen 4-achsig
54255
PIKO + KUSWA
L5850636
Deutz 4-achsig von KLEIN
L5880012
Einheitskesselwagen von LILIPUT
L5850542
LILIPUT
L5850569
Deutz 2-achsig von ROCO
L9900023
BRAWA
L9900022
ROCO
L5850088
BRAMOS
L1001793
PIKO
L1001815
MÄRKLIN
L9920427
KLEINBAHN
L9920435
KRÜGER EKW49
L9920832
TRIX EXPRESS
L9921199
PIKO & KUSWA