SS-Wagen

Dieser Artikel erschien in der MIBA 3/1994. Er wurde verfasst, als das ROCO-Modell des SS15 erschien, enthielt aber auch einen kritischen Baubericht des SSk08 von BAVARIA. Keiner meiner alten Artikel ist so überholt wie dieser. Heute gibt es reichlich Großserienmodelle von vierachsigen Schienenwagen, die besprochenen BAVARIA-Bausätze sind ebenfalls Geschichte (die heutige BAVARIA in Altenburg ist nicht identisch mit der damaligen Firma). Aber die Kritik an der Bauanleitung trifft auch heute noch auf viele zu, und die "alternative Bauanleitung" halte ich nach wie vor für gültig. Die Fotos, die damals die Stadien des Zusammenbaus dokumentierten, waren Diapositive, wenn auch schwarz-weiß gedruckt, sie sind leider verloren.

In MIBA 8/93 nahmen wir uns den neuen Bausatz des Smr35 von Weinert zum Anlass, uns mit den S-Wagen zu beschäftigen. Heute folgen ihre vierachsigen Kollegen, die SS-Wagen.

UIC-Standardwagen

Von den S-Wagen des Vorbildes gibt es keine Großserienmodelle, bei den SS-Wagen sieht die Sache nur wenig besser aus: Ab Epoche 3 stand bis vor kurzem nur das sehr betagte Märklin-Modell des SSlmas53 bzw. Rs680 zur Verfügung. Dieses Fahrzeug gehört zu den UIC-Standard-Entwicklungen, ist also baugleich bei vielen europäischen Verwaltungen beschafft worden und vielfach bis heute im Dienst. Dae Modell von MÄRKLIN hat nunmehr fast 25 Jahre auf dem Buckel. Es ist aber in allen Hauptabmessungen genau maßstäblich, bis auf dei Höhe. Bedingt durch die hohen Spurkränze liet die Ladefläche etwa 2 mm zu hoch. Wer die Radsätze gegen NEM- oder gar RP25-ersatz austauscht, kann diesem Mangel leicht ein wenig abhelfen, indem er einfach den Querträger des Drehgestells etwas hinunterdrückt; wirkungsvoller, aber auch aufwändiger ist es, die Lagerzapfen im Wagenboden zu kürzen oder einen neuen Querträger in die Drehgestelle einzusetzen. Natürlich müssen bei einem so betagten Modell einige Ungenauigkeiten hingenommen werden; so sind die Drehrungen sehr massiv ausgefallen, und die Form des Sprengwerkes stimmt nciht ganz. Außerdem sind die Ladeschwellen herausgeklappt, was für Ladegüter wie z.B. Schienen, Stahlprofile, Stamm- und Schnittholz der Praxis des Vorbildes entspricht, aber das Gitter, das die Ladeschwellenschächte nach unten abschließt, liegt beim Modell leider auf Höhe der Wagenoberkante. Daher setzt man dieses Modell besser beladen ein, so dass dieser Fehler verdeckt wird. Ein weiteres prominentes Ladegut sind Container, die aber mit eingeklappten Ladeschwellen transportiert werden; man schneide also den Containerboden aus, damit die Ränder auf der Ladefläche stehen. Verpasst man dem Modell noch die üblichen Zurüstteile, wie neue Seilanker und Zettelkästen, Federpuffer und Bremsschläuche, so kann es durchaus neben neueren Produkten bestehen. Auch die Ausführung mit Handbremse lässt sich herstellen, indem man sich einen Bremserstand vom ROCO-Kbs442 borgt.

Solche Mühen machte man sich 1993 noch. Seit dem Modell des SSlmas53 von KLEIN sind solche Anstrengungen überflüssig. Wobei es scheint, dass die Formen für diesen Wagen nicht an ROCO gelangt sind, sondern von VITRAIN erworben wurden, denn dort ist das Modell nun im Programm.

Große Stückzahl: SS15

Nun ist der SS15 von ROCO auf dem Markt, wo dass endlich ein Modell in neuester Fertigungsqualität und in streng maßstäblicher Ausführung aufs Modellgleis gesetzt werden kann. Der SS15 von ROCO ist in jeder Hinsicht ein Spitzenmodell. Zum einen ist die Auswahl des Vorbildes zu loben. Der SS15 war en Standardfahrzeug, das in großen Stückzahlen beschafft wurde und eine lange Lebensdauer hatte, über vier Epochen hinweg von 1913 bis in die 70er Jahre. Zum zweiten überzeugt die Ausführung. Dass der Wagen maßstäblich ist, lässt sich mittlerweise als selbstverständlich voraussetzen. Die nötige Stabilität erhält das ansonsten aus Kunststoff gespritzte Fahrzeug durch eine Metalleinlage, die natürlich gleichzeitig der Beschwerung dient; sie reicht von Drehgestellzapfen zu Drehgestellzapfen - die Zeit wird zeigen, ob es nicht günstiger gewesen wäre, die bis zu den Pufferbohlen zu führen. Die Bremserbühne ist, wie schon beim R10, so konstruiert, dass sich die Ausführung vor Entfernung der Bremserhäuser ohne Schwierigkeiten herstellen lässt. Die Drehgestelle entsprechen der Sonderbauart Ce149, die eigentlich zum SSyl16 gehörte, aber den Unterlagen nach auch unter dem SS15 vorkam. Häufiger waren sicher die Einheitsdrehgestelle der Verbandsbauart. Es gab zwei Typen, eines aus Bandstahl ähnlich wie das des weiter unten vorgestellten SSk06, aber mit querstehenden Blattfedern statt der Schraubenfedern, das sich für eine Großserienfertigung sicher nicht eignet, und eines aus Pressblech, das sich ebenfalls zur Nachbildung angeboten hätte. Rungen, Zettelkästen und Bremsschläuche in allerfeinster Ausführung liegen dem Modell separat bei, kurzum: Es fehlt an nichts. Das haber auch seinen Preis: knapp 50 Mark!

Ausgeliefert wird der SS15 mit einer Ladung Schienenprofile, deren Länge umgerechnet 10 m beträgt (12 und 15 m waren zur Bundesbahnzeit üblicher); man sollte sie in jedem Fall einfärben, denn auch neue Schienen sind nicht blank. Die Ladung lässt sich in einem Stück abnehmen, samt Ladeschwellen, deren Häkchen die Schienenprofile halten; Ersatzladeschwellen liegen dem Fahrzeugmodell bei. Wer Federpuffer vorzieht, hat mit diesem Modell wenig Mühe: Die Puffer sind eingesteckt, das Loch ist im Nu aufgebohrt, eine äußerst nachahmenswerte Lösung.

Der Wagen war so häufig, dass man ihn ruhig mehr als einmal in seinem Fahrzeugpark laufen lassen kann. Wer Vielfalt liebt, kann dem SS15 ein Bremserhaus verpassen (vom ROCO-R10, von Schumacher oder WEINERT), wenngleich die Konstruktion vermuten lässt, dass ROCO selbst bald mit dieser Variante dienen wird - die nur in Frankreich angebotene Beutefahrzeug-Variante hat es bereits. Man kann die Bremse auch ganz entfernen, denn einige Exemplare haben ihr Dasein als Leitungswagen beendet. Über die Jahre sind weitere Varianten erschienen: DR-, SNCB-, ÖBB und PKP-Version finden sich in der Sammlung des Autors.

Tabelle SS-Wagen, auf den neuesten Stand gebracht
Epoche 1Epoche 3Epoche 4ZeichnungLüPModell
bay. SSmlSSw07-36617.040 mmBAVARIA, TRIX
bay. SSm--364?BAVARIA
bay. SSl--??BAVARIA
sächs.SS08-2885217.100 mm-
pr. SSmSSk06-IId613.300 mmBAVARIA, FLEISCHMANN
pr. SSmSSk06-IId6a14.300 mm
pr. SSmSSk08-IId716.300 mm
pr.SS08Rkmp652IId7a17.100 mm-
pr.SSlm16Rkmp653Ce16820.100 mm
VerbandSS15Rkmp653A317.100 mmROCO
AustauschbauSSlm25Rp67017.100 mmLILIPUT
US-BauartSSkm49Rlmmp66013.760 mmKLEIN
NeubauSSlmas53Rs68019.900 mmKLEIN, VITRAINS

Ältere Bauarten: Löten!

Wer aber nicht nur den SS15 über seine Gleise schicken will, sondern auch die älteren Vor­gänger­bauarten, der wird bei BAVARIA gleich mehrfach fündig - siehe Tabelle. Der Zusammenbau der BAVARIA-Bausätze ist nicht ganz einfach, aber auch für mäßig Geübte zu schaffen. Die größten Schwierigkeiten sind dabei physikalischer Natur. Der Rahmen besteht aus einem Bodenblech und vier Langträgern aus Messing­profilen. Dies sind vergleichsweise voluminöse Bauteile, denen man schon einiges an Wärme zuführen muss, damit sie auf Löt­temperatur kommen. Die Bauanleitung schlägt vor, erst die äußere Langträgerverkleidung, ein sehr dünnes Blech, auf die äußeren Langträger, dann diese auf das Bodenblech und und jetzt erst die mittleren Langträger aufzulöten. Der Hinweis "Vorsicht mit der Hitze, damit die Bleche nicht wieder abfallen" wirkt schon fast wie eine Ver­spottung des Lesers, denn die feinen Langträgerverkleidungen wölben sich milli­meter­weit vom Langträger ab, trotz der vorsichtshalber angebrachten Klammern, bevor auf dem Bodenblech auch nur das Lot verläuft. Ähnlich ergeht es einem, wenn man die mittleren Lang­träger auflötet: Die äußeren lösen sich wieder. Versucht man dies durch Kühlung (nasses Papiertaschentuch) zu verhindern, wölbt sich das Bodenblech wie eine feuchte Briefmarke.

Hinzu kommen noch einige Lücken in der Bauanleitung. Nirgends wird erwähnt, dass das Zierblech des Außenlangträgerss auch die Kante des Bodenbleches abdecken muss, also auf der richtigen - nämlich oberen - Seite überstehen muss. Auch aus der sehr unübersichtlichen Explosionszeichnung geht das nicht hervor.

Man kann das verallgemeinern. Da verwendet jemand unendliche Mühe, einen Bausatz herzustellen, und schlurt bei der Bauanleitung. Wie eine Bauanleitung aussehen kann, hat Gerard bei seinen Etappenbausätzen ein für alle Male gezeigt.

Nach all diesen frei- und unfreiwilligen An- und Ablötübungen sieht so ein Modell natürlich etwas mitgenommen aus, was noch nicht einmal ein Mangel ist, denn auch das Vorbild wird in der Epoche 3 nach 50 Jahren Dienst nicht mehr taufrisch ausgesehen haben. Demjenigen aber, der Ablieferungszustand in der Vitrine betrachten möchte, sei folgende alternative Bauanleitung vorgeschlagen, die auch für andere ähnlich aufgebaute Bausätze vorzuziehen ist

Erst mal trocken

Die Hauptteile der Bodengruppe erst einmal trocken zusammenstellen und die Positionen der größeren Teile anreißen. Dann auf der Bodenplatte alle Bereiche, auf denen ein Rahmenteil aufgelötet werden soll, gleichmäßig und nicht zu dick mit Lötpaste einstreichen, das Messing sollte gerade eben nicht mehr durchscheinen. Dann die ganze Bodenplatte mit der Flamme gleichmäßig erwärmen, bis das Lötzinn überall verläuft. Flussmittelreste abwaschen und den Zinnauftrag mit einem Glasfaserstift glätten. Das gleiche macht mit den Langträgern, bei den mittleren auf einer Schmalseite, bei den äußeren auch dort, wo die Verkleidung angebracht werden wird. Auch die Drehgestellträger werden auf diese Weise vorverzinnt. Der Vorteil dieses Verfahrens liegt darin, dass die Flussmittelreste nicht die Verbindung behindern, was sie bei großflächigen Verbindungen gerne tun, und man zweitens auch mit weniger auskommt, weil die Verbindung Messing/Zinn schon geschaffen ist und nur noch Zinn mit Zinn verlötet werden muss. Es empfiehlt sich aber, kurz vorm Verlöten an die Kanten der bereits zusammengestellten Bauteile etwas Flussmittel zu streichen - reines Zinn ist manchmal etwas störrisch.

Von der Mitte nach außen

Nach den Vorverzinnen werden die Langträger aufgelötet, und zwar erst die inneren, dann die äußeren, und jeweils immer von der Mitte nach außen oder von einem Ende zum anderen - nie erst die beiden Enden anlöten und dann an die Mitte gehen, das klappt aufgrund der thermischen Spannungen nie! Jetzt erst die äußere Langträgerverkleidung aufbringen. Zur Position der Drehgestellträger macht die Bauanleitung keinen Angaben, an besten richtet man sie mittig nach den Nieten des Langträgers aus. Ist das Ganze soweit geraten, ist auch das Gröbste geschafft. Die nunmehr noch anzubringenden Kleinteile sind blitzschnell angelötet, ohne das sich an der massiven Bodengruppe noch etwas lösen könnte. Die Bauanleitung stellt im weiteren auch nur noch kleinere Hindernisse in den Weg; folgt man ihr beispielsweise bei der Montage der Bremserhauses, so verschwinden die Bohrungen für die Griffstangen unter den aufzulötenden Verstärkungsprofilen. Also: Profile vor dem Falten aufbringen, dann die Löcher von hinten durchbohren und jetzt erst das Bremserhaus zusammenbiegen!

Nun seien aber auch die positiven Seiten gebührend gewürdigt. Die Passgenauigkeit der Teile ist vorbildlich, Nacharbeiten sind kaum erforderlich. Die Gussteile bestechen durch ihre filigrane Ausführung, insbesondere die Binderinge verdienen eine extra Erwähnung; sie dürften sich auch zur Superung anderer Güterwagen eignen. Die Radsätze mit den äußerst feinen Speichen sind nach der RP25-Norm gefertigt, und zwar streng, d.h. die Spurkränze sind unnötig breit. Daher sollte man bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, dass die NMRA-Normen angesichts der Fortschritte bei Radsatz und Gleis nicht mehr für Kleinserienmodelle taugen.

Beschriftung/Lackierung

Ein letzter Wermutstropfen fällt bei der Beschriftung aufs Modell: Der Hersteller hat nur Beschriftungen für die Epochen 1 und 2 beigefügt, was man nicht ganz versteht, denn die paar Quadratzentimeter für die Epoche-3-Beschriftung erschließen dich zusätzliche Kunden. Daher muss man sich die Beschriftung zumindest teilweise aus Gaßner-Sätzen zusammenstückeln. Heute hilft auch www.andreas-nothaft.de!

Die Ladefläche besteht aus echtem Holz, das in Form dünner Streifen auf das Modell aufgeklebt wird. Das Ganze färbt man am besten mit Beize: CLOU Nr. 162 dunkelgrau ergibt nach zwei- oder dreimaligen Anstrich die beste Wirkung. Benutzt man Beize, darf man aber auf keinem Fall Klebstoff auf dem Holz verschmieren, denn das gibt helle Flecken.

Der Listenpreis für die Bausätze beträgt DM 125,-- bis 150,--. Dies ist angesichts der soliden Ausführung und der vorzüglichen Detaillierung nicht zuviel, und man erhält dafür einige Stunden Bastelspaß und am Ende ein nicht ganz alltägliches Modell.

Übersicht Vorbildfotos
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140121
SSkm49
140122
SSkm49
170704
SSlm16 (?)
140024
SS15
165233
154810
SSlmas53 - Rs680
124131
UIS-St-Rs der FS
203211
196706
197202
Index Modellfotos Schienenwagen
L5850493
Smr35 von Weinert
L9920233
FLEISCHMANN
L5850508
BAVARIA
L5850339
BAVARIA
L1000463
L5850576
L5850478
L9922128
ROCO SS15
L9922130
ROCO SS65
L9922129
ROCO
L5850605
LILIPUT
L5850660
KLEIN